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KI & mein Job

Zum Buch · Kapitel 12

Der 90-Tage-Plan

Dreizehn Wochen. Eine Aufgabe pro Woche, zwanzig bis dreißig Minuten. Am Ende kannst du nicht alles — aber du bist nicht mehr die, die es nicht kennt.

Eine Frau steht in einem Büro vor einem Wandkalender, der drei Monate zeigt, daneben ein Stapel Aktenordner.
Drei Monate, dreizehn Wochen. Der Plan ist nicht dafür gemacht, dass du ihn durchhältst — sondern dass du ihn wieder aufnehmen kannst.

Dieser Plan ist nicht dafür gemacht, dass du ihn durchhältst. Er ist dafür gemacht, dass du ihn wieder aufnehmen kannst, wenn du zwei Wochen nicht dazugekommen bist. Zu jeder Woche steht deshalb ein Minimum dabei — die kleinste Sache, die noch zählt.

Um anzufangen, brauchst du keine Freigabe — für deine Unterlagen schon. Wie du herausfindest, was bei euch gilt, ist Woche 1.

Zwei Dinge vorweg, damit du ruhig anfangen kannst

Was bei euch gilt, sagt euer Haus — nicht diese Seite

Ich weiß nicht, welche Regeln bei euch gelten, ob es eine KI-Richtlinie gibt, was eure IT freigegeben hat und was in eurem Arbeitsvertrag steht. Deshalb steht auf dieser Seite nirgends, was du darfst. Wo es um deine Unterlagen geht, gilt die Regel deines Hauses — und wenn du sie nicht kennst, ist genau das die Aufgabe der ersten Woche.

Die Grundausstattung erklärt, in welcher Reihenfolge du suchst.

Fragen darfst du — versprochen ist dir wenig

Setzt dein Arbeitgeber KI ein, verlangt die KI-Verordnung der EU von ihm, die KI-Kompetenz seiner Leute zu fördern. Seit Ende Juli 2026 muss er sich dabei nur noch bemühen — garantieren muss er niemandem etwas Bestimmtes.

Für dich heißt das: Du kannst danach fragen, und die Frage hat einen Grund. Ein Anspruch auf eine bestimmte Schulung ist es nicht. Der eine Satz an eure Personalabteilung: „Die KI-Verordnung verlangt, dass Beschäftigte in KI-Kompetenz gefördert werden — was ist bei uns dafür vorgesehen?"

Tag 1–30

Phase 1 — Du allein mit der Maschine

Nicht mehr blank dastehen.

In diesem Monat sieht dir niemand zu. Es geht nicht darum, schneller zu werden — es geht darum, dass du das Ding einmal in der Hand gehabt hast und weißt, wie es sich anfühlt.

Woche 1

Herausfinden, was du überhaupt hast

Schreib eine Mail an eure IT mit drei Fragen: Welches KI-Werkzeug ist bei uns freigegeben? Welche Unterlagen darf ich hineingeben und welche nicht? Und gibt es bei uns eine Regelung dazu, die ich kennen sollte? In vielen Programmen, die du ohnehin jeden Tag benutzt, steckt inzwischen selbst etwas drin — frag gleich mit, ob das bei euch eingeschaltet ist.

Geklappt, wenn: Du hast eine Antwort, auf die du dich berufen kannst. Auch ein Nein ist eine: Es betrifft deine Unterlagen, nicht diesen Plan. Ohne Freigabe fallen Woche 3 und 8 aus — die anderen elf Wochen laufen weiter.

Keine Zeit gehabt? Die Mail abschicken. Vier Minuten.

Woche 2

Eine einzige harmlose Aufgabe, dreimal

Nimm etwas ohne echte Daten: eine Einladung zu einer Besprechung, eine Gliederung für ein Thema, das du kennst. Mach dieselbe Aufgabe dreimal hintereinander und ändere jedes Mal, was du verlangst — beim dritten Mal sagst du, für wen es ist, wie lang es sein soll und was auf keinen Fall drinstehen darf.

Geklappt, wenn: Du kannst benennen, woran es lag, dass der dritte Versuch besser war als der erste.

Keine Zeit gehabt? Einmal statt dreimal.

Woche 3

Die erste echte Aufgabe

Jetzt etwas aus deiner tatsächlichen Woche — vorausgesetzt, die Antwort aus Woche 1 deckt es. Kam bis jetzt nichts zurück, hak nicht noch einmal bei der IT nach, sondern frag deine Vorgesetzte: Sie muss die Antwort ohnehin kennen. Solange du keine hast, überspring diese Woche und mach mit Woche 4 weiter.

Geklappt, wenn: Du hast ein Ergebnis, das du wirklich benutzt hast — nicht nur angeschaut.

Keine Zeit gehabt? Dieselbe Aufgabe wie in Woche 2, aber mit echtem Inhalt.

Woche 4

Deine eigene Bilanz

Zwei Zeilen aufschreiben. Erste Zeile: Was hat es gebracht — Zeit oder Nerven? Zweite Zeile: Wo hat es dich Zeit gekostet? Die zweite Zeile ist die wichtigere.

Geklappt, wenn: Beide Zeilen stehen da. Auch die unangenehme.

Keine Zeit gehabt? Ein Satz.

Tag 31–60

Phase 2 — Aus Versuch wird Handwerk

Verlässlich statt zufällig.

Bis hierher war alles ein Versuch. Jetzt wird daraus etwas, auf das du dich verlassen kannst — und, genauso wichtig, du lernst, wo du dich nicht darauf verlassen darfst.

Woche 5

Die Aufgabe finden, die immer wiederkommt

Such nicht die interessanteste Aufgabe, sondern die langweiligste: die, die jede Woche oder jeden Monat gleich abläuft. Genau die lohnt sich, weil sie wiederkommt.

Geklappt, wenn: Du kannst sie benennen und sagen, wie oft sie vorkommt.

Keine Zeit gehabt? Eine Woche lang mitschreiben, was sich wiederholt.

Woche 6

Deine Vorlage

Schreib die Anweisung für diese Aufgabe einmal ordentlich auf und speicher sie irgendwo, wo du sie wiederfindest. Hinein gehört: wer du bist, wie die Ausgangslage ist, was herauskommen soll und in welcher Form.

Geklappt, wenn: Du hast sie das nächste Mal kopiert, statt neu nachzudenken.

Keine Zeit gehabt? Die beste Anweisung aus Woche 2 in eine Datei kopieren.

Woche 7

Der Prüfschritt

Leg zwei oder drei Fragen fest, die du an jedes Ergebnis stellst, bevor du es weitergibst. Und gewöhn dir eine Rückfrage an: Woher hast du das? Wenn keine Quelle kommt, ist es keine.

Geklappt, wenn: Du hast mindestens einen Fehler gefunden, den du sonst weitergegeben hättest.

Keine Zeit gehabt? Eine einzige Prüffrage aufschreiben und benutzen.

Das ist die Woche, die den Unterschied macht. Ohne Prüfschritt ist alles davor nichts wert.

Woche 8

Absichtlich scheitern lassen

Stell eine Frage, auf die es keine richtige Antwort geben kann — nach einer Vorschrift, einer Norm oder einer Frist, die es in deinem Fach gar nicht gibt. Frag danach so, als wäre sie selbstverständlich. Nichts aus deinem Haus, nichts Echtes. Schau dir an, wie die Maschine trotzdem antwortet.

Geklappt, wenn: Du hast eine Antwort gesehen, die überzeugend klang und falsch war. Ab jetzt erkennst du den Tonfall.

Keine Zeit gehabt? Eine Frage, eine Antwort, einmal hingeschaut.

Woche 9

Die zweite Aufgabe

Erst jetzt kommt eine zweite wiederkehrende Aufgabe dazu. Nicht früher — eine Sache, die verlässlich läuft, ist mehr wert als vier, die halb laufen.

Geklappt, wenn: Zwei Vorlagen, beide benutzt.

Keine Zeit gehabt? Bei einer bleiben. Das ist kein Rückstand.

Tag 61–90

Phase 3 — Aus Vorsprung wird Wirkung

Andere merken es — ohne dass du dich dabei schadest.

Können, das niemand mitbekommt, ändert an deiner Lage nichts. Aber der Weg dahin ist nicht der, den man erwartet — lies den Kasten, bevor du diese Wochen angehst.

Lies das, bevor du jemandem davon erzählst

Es gibt zu dieser Phase eine unangenehme Forschungslage. Wer sagt „ich habe das mit KI gemacht", wird bei gleicher Arbeit als fauler und weniger kompetent eingeschätzt — am deutlichsten von Vorgesetzten, die selbst keine KI benutzen. Und das Vertrauen sinkt allein durch das Offenlegen. Darauf zu hoffen, dass dein Gegenüber selbst KI benutzt und es deshalb milder sieht, hilft dir nicht: Genau das haben die Forscher geprüft, und es macht keinen Unterschied.

Eine Entlastung gibt es doch, und sie ist konkreter: Vorgesetzte, die selbst mit KI arbeiten, bevorzugten in der Einstellungssimulation der ersten Untersuchung Bewerber, die es auch tun. Wie es für dich ausgeht, hängt also daran, wen du vor dir hast.

Daraus folgt aber nicht, es zu verheimlichen: Wer dabei erwischt wird, steht deutlich schlechter da als wer es selbst sagt.

Rede über dein Ergebnis und über deine Prüfung, nicht über dein Werkzeug. Und wenn jemand fragt, sag die Wahrheit sofort.

Das ist ein Rat zur Reihenfolge, keine Erlaubnis zu schweigen. Gibt es bei euch eine Regel, dass KI-Nutzung gekennzeichnet oder gemeldet werden muss, dann gilt sie — vor allem hier. Wenn du nicht weißt, ob es eine gibt, gehört auch das in die Mail aus Woche 1.

Die zwei Befunde dahinter stehen unten bei den Belegen. Der Rat daraus ist meiner — geprüft hat ihn keine der beiden Untersuchungen.

Woche 10

Aufschreiben, was du jetzt anders machst

Eine halbe Seite: Welche Aufgabe war es? Wie lief sie vorher? Wie läuft sie jetzt? Und woran prüfst du das Ergebnis? Du brauchst dafür kein einziges Mal den Namen eines Werkzeugs.

Geklappt, wenn: Du könntest es jemandem vorlesen, ohne dass „KI" das erste Wort ist.

Keine Zeit gehabt? Drei Stichpunkte statt einer halben Seite.

Woche 11

Einer einzigen Person zeigen

Such dir eine Kollegin aus, die dich nicht beurteilt. Zeig ihr die Vorlage und den Prüfschritt — beides zusammen, nie die Vorlage allein.

Geklappt, wenn: Sie hat es einmal selbst ausprobiert, während du daneben saßt.

Keine Zeit gehabt? Es einer Person erzählen, ohne es zu zeigen.

Woche 12

In der Runde: das Ergebnis, nicht das Werkzeug

Erwähne, dass die Abstimmung jetzt anders läuft und woran du sie prüfst. Fragt jemand, womit — dann sagst du es, ohne zu zögern. Von selbst damit anfangen musst du nicht. Gilt bei euch eine Kennzeichnungspflicht, sagst du es von selbst.

Geklappt, wenn: Jemand hat nachgefragt.

Keine Zeit gehabt? Es einer zweiten Person erzählen statt der ganzen Runde.

Woche 13

Schriftlich, für das Gespräch, das kommt

Drei Zeilen für dein nächstes Jahresgespräch, in der Sprache deines Chefs: Was läuft jetzt verlässlicher? Woran prüfst du es? Und was hast du dir dafür selbst beigebracht?

Geklappt, wenn: Es steht in einer Datei, die du im Januar wiederfindest.

Keine Zeit gehabt? Eine Zeile. Aber aufgeschrieben, nicht gedacht.

Danach

Tag 91 — aus dem Plan wird ein Rhythmus

Ab hier fängst du nichts Neues mehr an. Einmal im Monat, fünfzehn Minuten, drei Fragen:

  • Läuft meine Vorlage noch, oder hat sich die Aufgabe verändert?
  • Ist eine Aufgabe dazugekommen, die sich lohnt?
  • Hat mein Prüfschritt diesen Monat etwas gefunden?

Wenn die dritte Frage drei Monate hintereinander „nein" ergibt, prüfst du zu lasch — nicht die Maschine ist besser geworden.

Wenn du eine Woche nicht geschafft hast

Ein Trittsteinweg über eine Wiese bricht ab; die restlichen Steine liegen unverlegt in einer Schubkarre daneben.
Der Plan ist keine Kette. Wer eine Woche auslässt, macht die Woche, in der er ist — nicht die, die er übersprungen hat.

Dann machst du die Woche, in der du bist — nicht die, die du übersprungen hast. Der Plan ist keine Kette, in der ein fehlendes Glied alles aufhält. Nur Woche 7, der Prüfschritt, holst du nach, bevor du in Phase 3 gehst. Alles andere darf ausfallen.

Belege

Geprüft am 12. August 2026. Drei Aussagen auf dieser Seite behaupten Rechtslage oder Forschungsstand — hier stehen sie mit ihrer Quelle.

  1. Die KI-Verordnung der EU verpflichtet Anbieter und Betreiber, die KI-Kompetenz ihres Personals zu fördern. Der Digital Omnibus zur KI (Verordnung (EU) 2026/1744, in Kraft seit 27. Juli 2026) hat die ursprüngliche Pflicht, Kompetenz sicherzustellen, zu einer Förderpflicht abgeschwächt; ein bestimmtes Kompetenzniveau einer einzelnen Person muss nicht garantiert werden.

    Verordnung (EU) 2026/1744, Amtsblatt der EU · abgerufen am 12. August 2026

  2. Reif, Larrick und Soll (PNAS 122(19), 2025) zeigen in vier vorregistrierten Experimenten mit 4.439 Teilnehmenden, dass Personen, die KI-Hilfe in Anspruch nehmen, als fauler, weniger kompetent und weniger gewissenhaft eingeschätzt werden. Vorgesetzte, die selbst keine KI nutzen, handeln nach diesen Annahmen auch in einer Einstellungssimulation. Vorgesetzte, die selbst KI nutzen, bevorzugen KI-nutzende Bewerber dagegen.

    PNAS, „Evidence of a social evaluation penalty for using AI" · abgerufen am 12. August 2026

  3. Schilke und Reimann (Organizational Behavior and Human Decision Processes 188, Artikel 104405, 2025) finden in 13 Experimenten mit über 5.000 Teilnehmenden, dass die Offenlegung von KI-Nutzung Vertrauen kostet. Ihre eigene Auswertung über alle Experimente ergab, dass weder Vertrautheit mit KI noch eigene KI-Nutzung der Bewertenden den Effekt abschwächt; abgeschwächt ist er bei Menschen mit positiver Einstellung zu Technik und bei denen, die KI für zuverlässig halten. Wird die Nutzung durch Dritte aufgedeckt, fällt das Vertrauen deutlich stärker als bei eigener Offenlegung.

    Schilke & Reimann, OBHDP 188 (Volltext der Autoren) · abgerufen am 12. August 2026

Was hier noch nicht belegt ist

Der Zuschnitt selbst — dreizehn Wochen, zwanzig bis dreißig Minuten, diese Reihenfolge — stammt aus dem Buch und aus Erfahrung, nicht aus einer Untersuchung. Ob neunzig Tage die richtige Länge sind, in welcher Woche die meisten aufgeben und wie viel in dieser Zeit realistisch herauskommt, ist hier nicht belegt.

Und der wichtigste Punkt: Der Rat in Phase 3 — über das Ergebnis reden statt über das Werkzeug — ist meine Schlussfolgerung aus zwei Befunden, kein Studienergebnis. Die beiden Untersuchungen zeigen, dass Offenlegen Ansehen kostet und Erwischtwerden mehr kostet. Ob mein Ausweg daraus wirklich der beste ist, hat niemand gemessen.

Wenn ich zu all dem Belastbares finde, steht es hier — und wenn es dem Plan widerspricht, ändert sich der Plan.