Einkauf
Was sich ändert, ist die Vorarbeit — nicht das Verhandeln. Fang vorne an: aus einer dürftigen Bedarfsmeldung wird in zehn Minuten eine Anfrage, auf die drei vergleichbare Angebote zurückkommen.
Was sich in deinem Beruf gerade ändert
Fang mit der Beobachtung an, die dir am Montag begegnet: Die Arbeit, die dich Zeit kostet, ist selten die Verhandlung. Es sind die zwei Stunden davor. Fünf Angebote in drei verschiedenen Aufbauten, eines mit Fracht, eines ohne, eines mit einem Liefertermin, den man mit gutem Willen als Zusage lesen kann. Eine Bedarfsmeldung aus drei Sätzen, aus der du eine Anfrage machen sollst, auf die vergleichbare Angebote zurückkommen. Genau an dieser Vorarbeit ändert sich gerade etwas — nicht am Verhandeln.
Das ist kleiner, als es in den Überschriften klingt, und näher an deinem Schreibtisch. Wo Forschung und Praxis künstliche Intelligenz im Einkauf verorten, liegt der Schwerpunkt bei großen Datenauswertungen — Lieferantenvorauswahl, Kostenanalyse, Risikobeobachtung. Dafür braucht es ein Projekt, die IT und gepflegte Daten. Das fängt niemand am Dienstagnachmittag an. Was dir dagegen heute offensteht, ist bescheidener und sofort da: sortieren, vergleichbar machen, Fragen formulieren, nachbereiten.
Du bist damit weder spät noch früh dran. Eine Befragung von über 500 Einkaufsverantwortlichen aus dem europäischen Mittelstand ergab im Juni 2026: knapp sieben von zehn setzen KI ein, testen sie oder planen den Einsatz — und sechs Prozent halten den eigenen Einsatz für hoch ausgereift. Anders gesagt: Fast alle probieren gerade herum, und kaum jemand hat es im Griff. Die Zahl kommt von einem Anbieter von Einkaufssoftware, gemeinsam mit einem Fachverband und einer Hochschule erhoben — als Beweis taugt sie deshalb nicht, als Ordnung im eigenen Kopf schon.
Der Punkt, an dem es regelmäßig schiefgeht, ist im Einkauf immer derselbe: Der Entwurf ist glatter als die Lage. Aus „nicht genannt” wird „nicht enthalten”. Aus „wir zeigen uns bei der nächsten Charge kulant” wird eine Gutschrift. Aus einem Wunsch der Produktion („stabil, aber nicht zu schwer”) wird eine Materialvorgabe, die so nie jemand entschieden hat. Nichts davon ist gelogen, alles davon ist eine halbe Drehung zu bestimmt — und wenn es in einer Anfrage oder einer Reklamation nach draußen geht, ist es deine Aussage. Deine Arbeit verschiebt sich damit vom Formulieren zum Prüfen. Das klingt nach Entlastung und ist erst einmal eine andere, wachere Tätigkeit.
Und was kostet es, das erst einmal liegen zu lassen? Nicht deinen Beruf. Aber das Gefühl dafür, welchem Entwurf man trauen kann und welchem nicht, entsteht nur durch Benutzen. Wer damit anfängt, wenn die Anfrage bis heute Abend raus muss, baut es unter Druck auf — und übersieht genau die halbe Drehung, um die es geht. Fang lieber dort an, wo ein Fehler nichts kostet: mit einer erfundenen Bedarfsmeldung, fünfzehn Minuten, hier auf dieser Seite weiter unten.
Woher die Angaben stammen. Die Einordnung, wo künstliche Intelligenz im Einkauf verortet wird, stammt aus Spreitzenbarth, Bode und Stuckenschmidt, „Artificial intelligence and machine learning in purchasing and supply management”, erschienen im Journal of Purchasing and Supply Management (Band 30, Heft 1, 2024): 46 Untersuchungen, elf Anwendungsfelder, zwanzig Fachgespräche. Wichtig dazu: Die ausgewerteten Arbeiten reichen bis 2020, die Fachgespräche stammen aus demselben Jahr. Die Übersicht zeigt also, wo die großen Anwendungen liegen — nicht, was heutige Chatwerkzeuge können. Die Zahlen zum Verbreitungsgrad kommen aus dem Einkaufsbarometer Mittelstand 2026, einer Befragung von über 500 Einkaufsverantwortlichen, die der Anbieter von Einkaufssoftware Onventis zusammen mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik und der ESB Business School durchgeführt und am 11. Juni 2026 veröffentlicht hat. Beide abgerufen am 11. August 2026.
Probier es aus — in 15 Minuten
Aus sieben unklaren Zeilen wird eine Anfrage, auf die man antworten kann — und du siehst, an welchen Stellen so ein Entwurf still etwas festlegt, das niemand entschieden hat.
Bedarfsmeldung (Firma und Angaben frei erfunden): - Von der Produktion, Nordwerk Komponenten GmbH: Wir brauchen Transportkisten für die neue Baureihe. - ungefähr 600 Stück im Monat - innen müssen Teile von etwa 45 × 30 × 20 Zentimetern hineinpassen - werden im Werk mehrfach verwendet - Start „bald", genauer Termin steht noch nicht fest - „stabil, aber nicht zu schwer" - ein Muster wäre gut - Budget und Material: nichts angegeben
- Kopier die Bedarfsmeldung in das Chatfenster, das bei dir freigegeben ist, und schreib dazu: „Bitte noch keine Anfrage. Sortier zuerst in drei Listen: was steht drin, was fehlt, was widerspricht sich."
- Lies die Liste der fehlenden Angaben und streich, was du selbst beantworten kannst. Was übrig bleibt, ist das, was du beim Fachbereich nachfragen müsstest — meistens sind es zwei oder drei Punkte.
- Jetzt erst: „Schreib daraus einen Entwurf für eine Anfrage. Was nicht entschieden ist, bleibt als [FEHLT: …] stehen. Erfinde keine Maße, Termine, Mengen oder Qualitätsanforderungen."
- Lies den Entwurf einmal als Lieferantin. Könntest du darauf ein Angebot abgeben — oder würdest du erst zurückfragen? Und steht irgendwo ein Termin, eine Norm oder ein Material, das in der Bedarfsmeldung nicht stand?
- Ändere drei Stellen selbst. Meistens sind es die, an denen aus einem Wunsch der Produktion eine Anforderung geworden ist.
- Welche Rückfrage war besser als die, die ich selbst gestellt hätte?
- Was stand im Entwurf fest, war in der Bedarfsmeldung aber nur eine Vermutung?
- Könnten drei Lieferanten auf diesen Text hin vergleichbare Angebote abgeben?
- Welche Wörter aus unserem Haus versteht ein Außenstehender nicht?
- Was würde ich beruflich verwenden — und was müsste ich vorher ergänzen?
Aufgaben aus deinem Alltag
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Aus einer dürftigen Bedarfsmeldung eine Anfrage machen
Eine Anfrage, auf die vergleichbare Angebote zurückkommen — und daneben die zwei, drei Punkte, die du vorher im Fachbereich klären musst.
Darf rein -
Besprechungsnotizen in ein belastbares Protokoll verwandeln
Ein Protokollentwurf, in dem Entscheidung, Aufgabe, offene Frage und Widerspruch getrennt stehen — mit der Fundstelle hinter jedem Punkt.
Darf rein -
Die eigene Nachricht auf ihre Wirkung prüfen
Eine ehrliche Rückmeldung, bevor du auf Senden drückst: Klingst du souverän oder bedürftig — und welcher Satz macht den Unterschied.
Darf rein -
Ein Lieferantengespräch auf die offenen Punkte zuschneiden
Ein Blatt mit dem, was belegt ist, was offen ist, was du nicht zusagen darfst — und in welcher Reihenfolge du das ansprichst.
Darf rein -
Eine Reklamation so dokumentieren, dass sie hält
Zwei Texte: eine interne Aufgabenliste mit Nachweisen und ein sachlicher Entwurf an den Lieferanten, in dem keine Forderung steht, die intern nicht abgestimmt ist.
Darf rein -
Eine schwierige Projektnachricht vorbereiten
Ein Nachrichtenentwurf und ein Gesprächsleitfaden, in denen Problem, Auswirkung, gewünschte Entscheidung und offene Punkte getrennt stehen.
Darf rein -
Eine unklare Eingangsrechnung vorprüfen und die Rückfrage entwerfen
Eine geordnete Liste offener Punkte — getrennt nach rechnerisch prüfbar, intern abzugleichen und beim Lieferanten nachzufragen — und ein Entwurf für die Rückfrage.
Darf rein -
Einen Änderungsantrag vorprüfen, bevor er in die Entscheidungsrunde geht
Eine geordnete Liste der betroffenen Liefergegenstände, Termine, Kosten, Verträge und Zuständigkeiten — plus die Frage, was zur Entscheidung fehlt.
Darf rein -
Einen Projektstatus schreiben, der nichts beschönigt
Ein kurzer Statusbericht, in dem Fortschritt, Abweichung, Auswirkung und offene Entscheidung getrennt stehen — und fehlende Zahlen sichtbar bleiben.
Darf rein -
Einen Risikoworkshop vorbereiten, ohne mit leerer Tabelle anzufangen
Acht bis zehn Risikovorschläge in der Form Ursache – Ereignis – Auswirkung, jeder mit zwei Prüffragen fürs Team und ohne erfundene Wahrscheinlichkeiten.
Darf rein -
Aus Monatszahlen ein Lieferantengespräch machen, das etwas klärt
Eine kurze Übersicht zu Termintreue, Qualität und Mengenabweichungen — und daraus drei Fragen, die auf ein Muster zielen statt auf den letzten Vorfall.
Darf rein -
Drei Angebote nach demselben Raster vergleichbar machen
Eine Übersicht, in der jede Zeile bei allen Angeboten dasselbe bedeutet — und in der fehlende Angaben als fehlend dastehen, nicht als Null.
Darf rein -
Vertragsunterlagen gegen eure eigene Fragenliste durchgehen
Eine Liste von Fundstellen und Lücken mit Abschnittsangabe — keine Bewertung, sondern die Vorarbeit für die, die entscheiden.
Darf rein -
Eingehende E-Rechnungen formal prüfen und richtig ablegen
Eine automatische Rückmeldung zu Format und Pflichtfeldern, eine Klärungsliste für alles, was durchfällt — und ein Ablageweg, bei dem der strukturierte Originaldatensatz erhalten bleibt.
Darf rein -
Lieferverzüge als festen Ablauf früh auf den Tisch bekommen
Ein Ablauf, der überfällige Vorgänge findet, die Unterlagen dazu zusammenstellt und einen Menschen fragt — und der nichts von allein nach draußen schickt.
Darf rein
Was du hineingeben darfst
- Darf rein Grün
- Angebote, Preislisten und Leistungsbeschreibungen eurer Lieferanten
- Bedarfsmeldungen, Bestellungen, Lieferscheine, Reklamationsunterlagen
- Auswertungen zu Termintreue und Qualität aus euren eigenen Systemen
- Erfundene Übungsfälle
- Erst unkenntlich machen Gelb
- Angebote und Anfragen, solange du nicht weißt, ob euer Werkzeug freigegeben ist
- Gesprächsnotizen mit Lieferanten ohne Freigabe für dieses Werkzeug
- Prozessbeschreibungen und eigene Textbausteine ohne Freigabe für dieses Werkzeug
- Bleibt draußen Rot
- Preisuntergrenzen, Zielkonditionen und eure Verhandlungslinie
- Ausschreibungs- und Vertragsunterlagen unter Geheimhaltung
- Bonitätsauskünfte, Auditberichte und Bewertungen einzelner Lieferanten im Privatkonto
- Ansprechpartner mit Namen, Nummer und deiner Einschätzung im Privatkonto
„Welches KI-Werkzeug ist bei uns freigegeben — und darf ich dort echte Angebote, Preise, Verträge und Lieferantennamen hineingeben, hochladen und speichern? "
Was bei dir bleibt
- Was wirklich gebraucht wird
Eine Bedarfsmeldung kann sauber formuliert sein und trotzdem am Zweck vorbeigehen. Was der Fachbereich meint, steht selten vollständig in dem, was er aufschreibt — das klärst du mit ihm, nicht mit einem Werkzeug.
- Welches Risiko ihr tragt
Ein niedriger Preis gleicht keinen unsicheren Liefertermin und keine offene Haftung aus. Was davon euer Haus tragen kann, ist eine geschäftliche Entscheidung mit Folgen, für die jemand geradesteht.
- Die Verhandlung
Zuhören, Spielraum erkennen, an der richtigen Stelle nachfassen und an der anderen schweigen. Kein Werkzeug merkt, wenn dein Gegenüber ausweicht — du merkst es an der Pause vor der Antwort.
- Was ihr unterschreibt
Dieselbe Klausel wirkt anders, je nachdem, welcher Artikel, welcher Rahmenvertrag und welches Projekt dahintersteht. Freigabe und rechtliche Bewertung bleiben bei den Menschen, die dafür zuständig sind.
- Mit wem ihr weiter zusammenarbeitet
In einer Lieferantenbewertung stehen Zahlen. Daneben stehen acht Jahre Zusammenarbeit, ein Werk, das im Dezember eingesprungen ist, und ein Entwickler, der ans Telefon geht. Das wiegt niemand ohne dich ab.
Geprüfte Werkzeuge für diesen Bereich
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ChatGPT
Hat euer Haus ein Firmenkonto, darfst du damit arbeiten — mit Vertrag und ohne Training. Free, Go, Plus und Pro bleiben dagegen Privatkonten, auch wenn die Firma die Rechnung zahlt.
Darf rein
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Claude
Hat euer Haus ein Team- oder Enterprise-Konto, darfst du damit arbeiten: mit Vertrag, ohne Training. Free, Pro und Max bleiben Privatkonten, auch wenn die Firma zahlt. Besprechungen mitschreiben kann es nicht.
Darf rein
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DeepSeek
Ein kostenloses Chatfenster aus China, das erstaunlich viel kann. Widersprich zuerst dem Training — danach ja, aber ohne Namen und Beträge: Einen Vertrag mit deinem Arbeitgeber gibt es nicht.
Erst unkenntlich machen
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Gemini
Läuft Gemini über das Google-Workspace-Konto deiner Firma, darfst du damit arbeiten: Vertrag da, kein Training. Free, AI Plus, Pro und Ultra sind Privatkonten — auch wenn die Firma die Rechnung zahlt.
Darf rein
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Microsoft 365 Copilot
Das Chatwerkzeug, das eure eigenen Mails, Dateien und Besprechungen kennt — und mit echten Kundennamen und Zahlen benutzt werden darf. Bestellen muss es die IT, allein bekommst du es nicht.
Darf rein
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Microsoft Copilot
Kostenlos und längst auf deinem Rechner. Mit dem Arbeitskonto angemeldet darfst du Firmenunterlagen hineingeben — und es kostet weiterhin nichts. Mit dem Privatkonto rät Microsoft selbst davon ab.
Darf rein
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Qwen (Qwen Studio, früher Qwen Chat)
Ein kostenloses Chatfenster aus dem Alibaba-Konzern. Es kann viel — für betriebliche Unterlagen fehlt die Grundlage: kein Vertrag, kein Schalter gegen das Training, Verarbeitung in Singapur und China.
Bleibt draußen
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Vibe (früher Le Chat)
Hat euer Haus ein Team- oder Enterprise-Konto, darfst du damit arbeiten: mit Vertrag, Anbieter in Frankreich. Free und Pro bleiben Privatkonten. Heißt seit Kurzem Vibe, nicht mehr Le Chat.
Darf rein